
Zu Gast in der Notschlafstelle "SleepIn"
In Düsseldorf wächst die Zahl der Jugendlichen, die auf der Straße leben. Ein Ort, an dem sie Zuflucht finden, ist die Notschlafstelle SleepIn in Flingern. Hier bekommen sie mehr als nur ein Bett für die Nacht. Wir haben die Einrichtung besucht.
Veröffentlicht:
Was ist das SleepIn?
Mehr als 300 (311) Jugendliche haben in diesem Jahr schon mindestens einmal in der Düsseldorfer Notschlafstelle "SleepIn" übernachtet. Die aktuellen Zahlen der Notschlafstelle zeigen: Das sind fast doppelt so viele wie im gesamten letzten Jahr (173). Hinzu kommen weitere 70 Jugendliche, die keinen Schlafplatz mehr bekommen konnten. Aber was bietet das SleepIn den Jugendlichen eigentlich?
Finanziert wird die Notschlafstelle von der Düsseldorfer AWO und dem Sozialverband Katholischer Frauen und Männer (SKFM) Düsseldorf. Neben den Übernachtungsgästen sind Jugendliche dieses Jahr bereits in rund 1.200 Fällen nur für eine Mahlzeit oder zur Beratung ins SleepIn gekommen. Auch dieses Angebot ist wichtig, sagt Sozialarbeiter Kevin Fladung, denn das Ziel der Notschlafstelle ist klar:
Die Räumlichkeiten der Notschlafstelle
Die Notschlafstelle in Flingern verfügt insgesamt über neun Betten, jeweils in Einzelzimmern. Zusätzlich gibt es einen großen und einen kleinen Aufenthaltsraum, mehrere Bäder und eine Küche. In den Aufenthaltsräumen befinden sich jeweils Sofas, die im Notfall auch als Betten genutzt werden können. Das Angebot richtet sich an Jugendliche von 14 bis 21 Jahren. Die Jugendlichen können sich von abends 20 Uhr bis morgens um 9:30 Uhr in den Räumlichkeiten der Notschlafstelle aufhalten. Um das Essen oder ihre Wäsche müssen sie sich in dieser Zeit nicht kümmern, das übernimmt eine Hauswirtschafterin. Dem Team sei es wichtig, dass die Jugendlichen sich in ihrer Zeit in der Notschlafstelle ausruhen können und dass um 20 Uhr ein warmes Essen auf dem Tisch steht, so Fladung.
Zimmerverteilung: Kein fairer Prozess
Nach der Eröffnung im November 2023 mussten die Sozialarbeiter:innen der Notschlafstelle feststellen, dass der Bedarf die Kapazitäten der Einrichtung übersteigt. Deshalb haben sie ein System einführt: Zweimal in der Woche können die Jugendlichen jetzt für den nächsten Block von drei bzw. vier Tagen auf die Schlafplätze bewerben. Dies geschieht in einem individuellen Beratungsgespräch, für das sich die Jugendlichen anmelden müssen. Anschließend entscheiden die Sozialarbeitenden, wer wie viele Nächte in der Notschalfstelle übernachten darf. Sozialarbeiter Kevin Fladung betont, dass es in einer solchen Frage kein faires System geben könne und man dringend mehr Plätze brauche. Grundsätzlich gebe es zwar Alternativen, die seien aber für viele Jugendliche keine echte Option. Fladung spricht hier von städtischen Inobhutnahmestellen, an die sich jugendliche unter 18 Jahren wenden können oder von den Notschlafstellen für Erwachsene. Fladung und seine Kolleg:innen versuchten daher die individuellen Umstände der Jugendlichen bestmöglich zu berücksichtigen - Wer muss etwa ausgeschlafen sein, um zur Schule zu gehen? Wer hat einen wichtigen Termin? Das abzuwägen werde auch nach drei Jahren kein bisschen leichter, so Fladung.
Die Mittwochsaktion
Grundsätzlich müssen die Jugendlichen morgens um 9:30 Uhr ihre Zimmer räumen, alle ihre Sachen mitnehmen und die Notschlafstelle SleepIn verlassen. Immer mittwochs macht die Notschlafstelle den Jugendlichen aber auch tagsüber ein Programm-Angebot. Dieses Programm ist allein durch Spenden finanziert und verfolgt das Ziel, den Jugendlichen ein Stück Normalität in ihren Alltag zu bringen und ihnen Erlebnisse zu ermöglichen, die sonst für sie undenkbar wären. Das kann beispielsweise ein gemeinsamer Besuch im Schiffahrtsmuseum oder im Café Chance sein, aber auch mal eine große Aktion wie jetzt zu Halloween: Da fahren die Sozialarbeitenden mit 15 Teilnehmdenen in den Moviepark - das ist auch für die Notschlafstelle eine außergewöhnliche Aktion. Bei kleineren Aktionen ist Zahl der Teilnehmenden nicht begrenzt. Für die Jugendlichen sind alle Angebote komplett kostenlos.
Wer kommt in die Notschlafstelle?
Aber wer sind eigentlich die Jugendlichen, die in der Notschlafstelle in Flingern übernachten? Meist haben die Jugendlichen schon einen langen Leidensweg hinter sich und mehr erlebt, als so mancher Erwachsene, sagt Fladung:
Die Gesellschaft bezeichnet diese Jugendlichen häufig als "Systemsprenger". Den Begriff findet Fladung aber nicht ganz passend:
Deshalb würde Fladung sich wünschen, dass die Jugendlichen schon viel früher intensiver betreut werden, um zu verhindern, dass sie überhaupt auf der Straße landen:
Die aktuellen Zahlen der Notschlafstelle zeigen: Der Bedarf steigt. Auf die Frage, woran das liegen könne, vermutet Fladung auch einen Wandel in der Gesellschaft als Ursache für die steigenden Zahlen. "Ich möchte jetzt nicht politisch werden", sagt er und ergänzt, dass steigender finanzieller Druck in den Familien möglicherweise zu Situationen führen könne, die für die Jugendlichen oder auch ihre Betreuungspersonen nicht mehr auszuhalten seien.
Was bedeutet das für die Mitarbeitenden?
Die Sozialarbeitenden in der Notschlafstelle sind für die Jugendlichen vor allem Ansprech- und Beziehungspersonen. Dabei haben sie den Anspruch eine Konstante darzustellen - etwas, das viele Jugendliche in ihrem Leben bisher vermissen. Diese Arbeit geht natürlich auch an den Mitarbeitenden nicht spurlos vorüber:
Wie kann ich helfen?
Während die Arbeit der hauptamtlichen Sozialarbeiter:innen und der Hauswirtschafterin von den Trägern AWO bzw. SKFM finanziert wird, gibt es weitere Angebote wie die Mittwochsaktion, die allein durch Spenden finanziert werden. Ohne Spenden sind ungeplante Ausgaben, die über das absolute Minimum hinausgehen, nicht möglich, sagt Fladung. Das gelte beispielsweise schon für einen Labello. Darüber hinaus werden vor allem Sachspenden, insbesondere Kleidung, immer benötigt. Wer die Arbeit der Notschlafstelle unterstützen möchte, ist dazu herzlich eingeladen:
Flurstück 47
Direkt neben der Notschlafstelle betreibt der SKFM mit dem Flurstück 47 auch noch ein eigenes Bekleidungsgeschäft. Hier landen alle Kleiderspenden, die für die Jugendlichen in der Notschlafstelle nicht geeignet sind oder gerade nicht benötigt werden. Sie werden von einem eigenen Team aufbereitet und dann für kleines Geld im Flurstück 47 verkauft. Das Angebot richtet sich laut SleepIn-Schirmherrin Christina Resch vor allem an Bedürftige, steht aber allen Menschen offen. Wer einen Düsselpass hat, bekommt hier zusätzlichen Rabatt.
Armutswochen
Der Frage, wie das Leben von Jugendlichen aussieht, die bei uns in Düsseldorf auf der Straße leben geht aktuell die Ausstellung "Wir tragen schwer an unserer Armut" im Kap1 nach. Zum Auftakt der deutschlandweiten Armutswochen (17.Oktober - 14.November 2026) können wir dort noch bis morgen (16. Oktober 2026) Bilder und Texte von wohnungslosen Jugendlichen sehen und Einblicke in ihren Alltag auf Düsseldorfs Straßen bekommen.
Am Samstag (17. Oktober 2026) ist dann internationaler Tag zur Beseitigung der Armut. Hier lädt der SKFM in Düsseldorf zu einem Aktionstag ein. Hierfür werden einige Elemente der Ausstellung noch einmal vor P&C in der Innenstadt gezeigt und der SKFM lädt zu Gesprächen ein. Die Armutswochen enden am 15. November, dem Welttag der Armen.
Weitere Anlaufstellen
Neben der Notschlafstelle SleepIn gibt es in Düsseldorf noch eine weitere Notschlafstelle für Jugendliche: Die Kontakt- und Notschlafstelle KnacKPunkt richtet sich gezielt an junge Frauen und Mädchen. Jugendliche unter 18 Jahren können sich zudem an die Jungen-/Mädchenschutzstellen der Stadt wenden (Inobhutnahmestellen). Für junge Erwachsene fällt diese Option weg, ab 18 Jahren haben sie allerdings Zugang zu den Notschlafstellen für Erwachsene, wie beispielsweise an der Graf-Adolf-Straße oder der Erkrather Straße.









