
Überstunden: Was Arbeitnehmer wissen müssen
Wann sind Überstunden eigentlich erlaubt? Und wie gesund ist das ständigen Mehrarbeiten? Experten erklären Rechte, Risiken und gesundheitliche Folgen.
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Fast die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland arbeitet länger als im Vertrag steht. Das zeigt der DGB-Report "Gute Arbeit" für das vergangene Jahr. Wir haben mit Experten darüber gesprochen, warum es Überstunden gibt, welche Rechte wir haben und was zu viele Überstunden für gesundheitliche Folgen haben.
Diese Rechte habe ich als Arbeitnehmer
Chef darf Überstunden anordnen - aber nicht immer
Grundsätzlich gilt: Arbeitgeber haben ein Weisungsrecht gegenüber ihren Beschäftigten - und das schließt auch Überstunden ein. Allerdings müssen sie dabei immer prüfen, ob die Mehrarbeit dem jeweiligen Mitarbeiter zumutbar ist. Das erklärt Daniel Labrow, Anwalt für Arbeitsrecht in Neuss:
"Wenn es zum Beispiel jetzt eine alleinerziehende Mutter gibt, die ihr Kind um 14 Uhr vom Kindergarten abholen muss, dann wird hier die Anordnung von Überstunden wohl nicht zulässig sein, wenn dadurch dann halt die rechtzeitige Abholung unmöglich wird."
Und wenn das alles nicht der Fall ist, dann sind kleine Verlängerungen des Arbeitstages erlaubt. Allerdings darf man dann nicht über die ausgemachte Wochenarbeitszeit kommen, die ist im Vertrag festgelegt ist. Heißt: Dann werden die geleisteten Überstunden einfach an einem anderen Tag ausgeglichen.
Wann werden Überstunden bezahlt?
Für eine Bezahlung müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, sagt Daniel Labrow:
"Vergütungsrechtlich muss man halt sehen, dass Überstunden nur dann vergütet werden müssen, wenn der Arbeitgeber diese angeordnet hat, geduldet hat, gebilligt hat oder sie erforderlich waren. Und da haben wir ein großes Problem in der gerichtlichen Praxis, dass die Arbeitnehmer dies beweisen müssen und das ist häufig tatsächlich nicht so einfach."
Wenn man also länger bleibt, ohne dass der Chef davon weiß, könnte es sein, dass die Überstunden nicht bezahlt werden oder man keinen Ausgleich dafür bekommt.
Einfach Nein sagen? Lieber nicht
Der Anwalt sagt hier: Zu Überstunden nicht vorschnell nein sagen. Das kann nämlich nach hinten losgehen. Denn: Der Chef ist weisungsbefugt und wenn man sich hier widersetzt, kann es auch zur Abmahnung oder im schlimmsten Fall zur Kündigung kommen. Sinnvoller ist es laut Labrow, den Betriebsrat einzuschalten, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Gibt es keinen Betriebsrat, sollten Beschäftigte ihre Arbeitszeiten zumindest sorgfältig dokumentieren - das kann im Streitfall entscheidend sein.
Überstunden und unsere Gesundheit
Zu viele Überstunden machen krank
Gelegentliche Mehrarbeit ist für die meisten Menschen kein Problem - aber wer dauerhaft zu viel arbeitet, gefährdet seine Gesundheit. Das erklärt Betriebsarzt Dr. Andreas Sommerfeld. Entscheidend sind dabei die Dosis und die persönliche Belastbarkeit. Auch die Branche und die Frage, ob der Job Spaß macht, spielen eine Rolle. Mögliche Folgen sind Herzkreislauferkrankungen, Veränderungen beim Blutdruck oder im schlimmsten ein Herzinfarkt. Und auch das Essverhalten verändert sich, sagt Dr. Sommerfeld:
"Beispielsweise essen die Leute dann in ihrer freien Zeit privat mehr als quasi manchmal Belohnungssystem. Neben zu bekommen Diabetes, also Zuckerkrankheit. Und mit den Folgeerkrankungen auch wissen wir sehr gut, dass man zu Schlafstörungen neigt und dass man möglicherweise schlechte Kompensationsmechanismen abruft."
Dann greifen laut ihm einige auch schneller zum Alkohol und das ist auch alles andere als gesundheitsfördernd.
Der ideale und gesunde Arbeitstag
Den klassischen 8-Stunden-Arbeitstag findet Dr.Sommerfeld aus gesundheitlicher Perspektive gut - mehr sollte es nicht sein. Und Dr. Sommerfeld sagt: Wir sollten immer achtsam mit uns selbst umgehen:
"Und gerade Selbstausbeutung vermeiden, denn manche sagen ja "Ja, ich bin im Homeoffice, ich lege noch ein bisschen drauf." Temporär sicherlich mal machbar, aber man sollte achtsam bleiben und möglicherweise auch die nackten Zahlen mal anschauen, wie viel arbeite ich eigentlich tatsächlich."
Und dann sollten wir auch Pausen einhalten. Denn laut Studien machen wir die in Deutschland tendenziell eher zu wenig.
Das sagt die Arbeitgeberseite
Überstunden sind nicht immer vermeidbar
Nicht immer steckt hinter Überstunden mangelnde Planung - manchmal lassen sie sich schlicht nicht vermeiden. Alexander Jarre von der Unternehmerschaft Düsseldorf nennt als Hauptgründe unvorhergesehene Ausfälle und den anhaltenden Fachkräftemangel.
"Denn es gibt ja immer mal wieder unvorhergesehene Ereignisse, also zum Beispiel, wenn wichtige Arbeitnehmer plötzlich ausfallen und man kann eben häufig in solchen Ausnahmesituationen nicht zusätzliches Personal einstellen."
Und die Arbeit bleibt dann an denen hängen, die gerade da sind.
Unterschiede zwischen den Branchen
Besonders viele Überstunden beobachtet Alexander Jarres von der Unternehmerschaft im Gesundheitswesen, der Pflege, in der Logistik oder auch im Handwerk. Ein Faktor ist dabei aber auch der Schichtdienst, zum Beispiel im Krankenhaus:
"Stellen Sie sich vor, ein auf seine Ablöse wartender Mitarbeiter in einem Krankenhaus muss feststellen, dass in der nachfolgenden Schicht einfach die Mitarbeiter nicht kommen. Dann kann man nicht einfach nach Hause gehen. Dann muss weitergearbeitet werden, bis die Ablöse kommt."
Arbeitgeber sollten aber auch Grenzen kennen und setzen
Trotzdem sollten Überstunden aus Unternehmenssicht eher die Ausnahme bleiben. Das betont auch Alexander Jarre - nicht nur aus Rücksicht auf die Belegschaft, sondern auch im eigenen Interesse des Unternehmens.
"Das dürfen Arbeitgeber eben auch nicht aus dem Blick verlieren, dass eine zu überbordende Anordnung von Überstunden natürlich auch zu einer Unzufriedenheit bei den Arbeitnehmern führen kann, auch zu einer Überlastungssituation führen kann."
Denn wer seine Mitarbeiter dauerhaft überlastet, riskiert, dass sie irgendwann ausfallen. Und das schadet letztlich dem gesamten Betrieb. Entscheidend ist eine gute Planung bei Personal und Arbeitsaufträgen, sagt Alexander Jarres. Außerdem wichtig: Eine Arbeitszeiterfassung - Da lässt sich nämlich auch erkennen, in welchen Bereichen am häufigsten Überstunden anfallen und wenn der Chef das weiß, kann er da gegensteuern.