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Eine Gruppe Menschen steht vor einem Gebäude. Einige halten Schilder in der Hand. Darauf steht "Für ein Suchtzentrum auf der Eisenstraße".
© Antenne Düsseldorf
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Ein neues Drogenhilfezentrum an der Eisenstraße?

Ein Drogenhilfezentrum? Bitte nicht bei uns! Die Stadt plant eine neue Drogenhilfe-Einrichtung an der Eisenstraße - und der Widerstand aus der Bevölkerung ist beachtlich. Wir haben uns die jeweiligen Argumente angehört - und geschaut, was eigentlich konkret geplant ist.

Veröffentlicht: Dienstag, 03.02.2026 08:40

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Das geplante Drogenhilfezentrum an der Eisenstraße

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An der Eisenstraße in Oberbilk, nahe des Hauptbahnhofs, soll ein neues Drogenhilfezentrum entstehen. Bisher ist in dem Gebäude ein Seniorenheim für ehemals wohnungslose Menschen untergebracht. Das soll jetzt an die Hagener Str. in Gerresheim umgesiedelt werden. An der Eisenstraße soll dann eine Anlaufstelle für drogenabhängige, insbesondere crackabhängige, Menschen entstehen. Nach unseren Informationen soll diese möglichst niedrigschwellig sein. So sollen möglichst viele Menschen von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erreicht werden können. Das neue Drogenhilfezentrum zeichnet sich deshalb durch eine Besonderheit aus: Der Drogenkosum soll in den Räumlichkeiten der Eisenstraße 49 explizit erlaubt werden. Zusätzlich soll laut Düsseldorfer Drogenhilfe auch der sogenannte "Ameisenhandel" innerhalb der Räumlichkeiten des Hilfezentrums erlaubt werden. Das Ziel: Den Konsum und den Handel von der Straße holen und in die Nähe von Sozialarbeitenden und medizinischer Versorgung in einen sicheren Raum verlagern.

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Konkrete Hilfsangebote in der Einrichtung

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Nach aktuellem Informationsstand (03. Februar 11:00 Uhr) soll das neue Drogenhilfezentrum an der Eisenstraße rund um die Uhr geöffnet sein, um eine dauerhafte Anlaufstelle zu bieten. Auch die Möglichkeit, in der Unterkunft übernachten zu können, ist laut Sozialarbeiter Oliver Ongaro angedacht. In der Einrichtung soll es Lebensmittel, medizinische Versorgung und Beratungsangebote für die drogenabhängigen Menschen geben. Der Konsum und auch der Handel in kleinsten Mengen soller erlaubt werden, um die Verweildauer in der Einrichtung zu erhöhen. Das sei für eine gelingende Beratung essenziell, so Ongaro. Der Konsum solle so komplett abgeschirmt von der Öffentlichkeit stattfinden. Dafür brauche es noch bauliche Veränderung, etwa eine höhere Mauer um den Innenhof, damit dieser nicht mehr einsehbar ist - für mehr Schutz auf beiden Seiten der Mauer. Außerdem soll es einen Sicherheitsdienst geben. Wie der genau organisiert wird, ist allerdings Stand jetzt noch offen. Oliver Ongaro von fiftyfifty fasst die geplanten Angebote so zusammen:

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Oliver Ongaro von fiftyfiftyHilfsangebote in der Einrichtung
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Hintergrund: Das städtische Projekt "Sicherheit im Bahnhofsumfeld"

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Das neue Drogenhilfezentrum ist als Teil des städtischen Projekts "Sicherheit im Bahnhofsumfeld" geplant. Ziel des Projekts ist es, wie der Name schon sagt, die Sicherheit für die Menschen im Bereich des Hauptbahnhofs zu verbessern. Das Projekt läuft seit rund eineinhalb Jahren, bislang mit eher repressiven Maßnahmen. So wurde bislang die Baugrube des Grand Central geräumt, in der sich wohnungslose Menschen angesiedelt hatten, und der Worringer Platz wurde so umgestaltet, dass der Aufenthalt für obdach- und wohnungslose Menschen weniger attraktiv ist. Zudem haben Polizei und Ordnungsamt hier ihre Präsenz erhöht. Das hat zu einer Verlagerung der Probleme vor die Zentralbibliothek geführt - jedenfalls in Teilen. Denn bislang wird den Menschen keine ausreichende Alternative geboten, die ihren Bedürfnissen entspricht.

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Die Perspektive der Streetworker

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Die Streetworker der Düsseldorfer Drogenhilfe, des Straßenmagazins fiftyfifty und Care24, die sich bislang um die Betreuung der Seniorinnen in der Eisenstraße 49 kümmern, hatten Ende Januar zum Gespräch gebeten. Sie alle sehen in der Einrichtung auf der Eisenstraße eine Chance, das Konzept der Stadt weiter auszubauen und einen echten Anlaufpunkt für schwer suchtkranke Menschen zu schaffen. Für sie ist klar, dass die "öffentliche Verelendung" auf den Straßen in den letzten Jahren sichtbarer geworden ist und dass es neue Aufenthaltsplätze braucht, um den öffentlichen Raum zu entlasten. Denn durch verschiedene Aspekte der Stadtplanung, auch durch das Projekt "Sicherheit im Bahnhofsumfeld" seien zuletzt Aufenthaltsflächen weggefallen - und neue, ungeplante Aufenthaltsorte entstanden. Häufig benannte Probleme wie Beschaffungskriminalität, die viele Anwohnende im Umfeld der Einrichtung befürchten, gebe es aktuell eh schon, genauso wie den Konsum, der aktuell im öffentlich Raum stattfindet. Es sei also wichtig, zu handeln - Repressive Maßnahmen seien aber erst dann sinnvoll, wenn man den Menschen eine sichere Alternative anbieten könne. Das entspricht - in deutlich kleinerer und angepasster Form - der Idee des sogenannten Züricher Modells.

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Was ist das Züricher Modell?

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Das „Züricher Modell“ in der Drogenhilfe meint einen pragmatischen Ansatz, mit dem die Stadt Zürich in den 1990er-Jahren erfolgreich gegen ihre offene Drogenszene vorgegangen ist. Ausgangspunkt war eine stark sichtbare offene Szene mit vielen Abhängigen im öffentlichen Raum - so ähnlich, wie die Probleme, die wir aktuell auch in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs beobachten. Das Besondere beim Züricher Modell ist die Kombination aus Hilfe und Kontrolle: Neben repressiven Maßnahmen gegen Drogenkonsum und -handel im öffentlichen Raum werden umfassende niedrigschwellige Angebote geschaffen. Dazu gehören etwa Konsumräume, medizinische Betreuung, Sozialberatung und Streetwork. Ein besonderer Aspekt ist, dass in diesen Einrichtungen unter bestimmten Voraussetzungen der Verkauf von Kleinstmengen (sogenannter Mikrohandel) toleriert wird. So sollen sich Szene und Konsum aus dem öffentlichen Raum in kontrollierte Räume verlagern. Für die Pläne an der Eisenstraße muss hier natürlich einschränkend ergänzt werden, dass es noch kein umfassendes System in ganz Düsseldorf gibt. Die Einrichtung an der Eisenstraße wäre die erste ihrer Art. Das Zusammenspiel aus Repression und Aufenthaltsflächen müsste also erst noch wachsen. Zudem werden auch die repressiven Maßnahmen im Züricher Modell von geschultem Fachpersonal durchgeführt - und es ist davon auszugehen, dass die ruhige Ansprache durch Streetworker anders wirkt, also ein möglicher Platzverweis durch das Ordnungsamt. Hier müssten also noch Lösungen gefunden werden.

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Michael Harbaum - Drogenhilfe DüsseldorfDas Züricher Modell
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Das Konzept der NUB in Oberbilk

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Seit März 2024 gibt es bereits ein ähnliches Konzept, dass ebenfalls auf den kontrollierten Konsum setzt: Die Niedrigschwellige Unterbringungs- und Beratungseinrichtung (NUB) ist eine Einrichtung für schwerstabhängige obdachlose Menschen, in der ihnen der Konsum erlaubt wird. 40 Personen finden hier eine sichere Unterkunft, in der sie medizinische Betreuung und Beratung bekommen. Betti Tielker von Care24 betont, dass die Verwahrlosung bei Crack erheblich größer sei als bei anderen Drogen, weshalb ein medizinisch-pflegerisches Setting zwingend notwendig sei. Die NUB ist seit Dezember 2024 an ihrem neuen Standort an der Markensstraße in Oberbilk - Konflikte mit Anwohnenden sind nicht bekannt.

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Der Unterschied zur Flurstraße

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Die Drogenhilfeeinrichtung an der Flurstraße in Flingern wird immer wieder als Negativbeispiel vorgebracht. Denn vor der Praxis für Substition (die kontrollierte Gabe von Ersatzstoffen bei Drogensucht) kommt es regelmäßig zu Konflikten zwischen Anwohnenden und drogenabhängigen Menschen. Sie unterscheidet sich allerdings in einem zentralen Punkt von der geplanten Einrichtung an der Eisenstraße, betont: Das Hilfezentrum an der Flurstraße ist kein Konsumraum. Das heißt, dass dort in den Räumlichkeiten des Zentrums keinerlei Drogen konsumiert oder auch nur besessen werden dürfen. Das hat dazu geführt, dass sich der Konsum vielfach auf den Bereich vor die Einrichtung und damit auf die Straße verlagert hat. Das Konzept der Eisenstraße ist somit neu und mit der Erfahrungswerten der Flurstraße direkt vergleichbar. Oliver Ongaro von fiftyfifty fasst das so zusammen:

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Oliver Ongaro von fiftyfiftyDen Konsum draußen wollen wir unterbinden
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Wir wünschen uns einen konstruktiven Austausch

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Oliver Ongaro betont, dass man die Sorgen der Anwohnenden sehr ernst nehme. Für ihn brauche es vor allem eine bessere Kommunikation. Er gibt an, man habe schon im Dezember auf die Schulen und Kitas im Umfeld der Einrichtung zugehen wollen - zuvor seien aber dann bereits die ersten Petitionen online gegangen und ein ruhiger, offener Austausch habe nicht mehr stattfinden können. Das solle sich aber ändern. Insbesondere mit den Schulen und Kitas im Umfeld wünsche man sich einen konstruktiven, gut organisierten Austausch - von dem beide Seiten profitieren könnten, so Ongaro. Und Michael Harbaum von der Düsseldorfer Drogenhilfe hat eine klare Antwort an alle Anwohnenden:

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Michael Harbaum - Drogenhilfe DüsseldorfWir schaffen kein neues Problem
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Die Perspektive der Anwohnenden

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Fast 1.900 Menschen haben inzwischen (03. Februar 2026) eine Petition gegen Umsetzung des Drogenhilfezentrums an der Eisenstraße unterschrieben. Darüber hinaus haben unsere Redaktion mehrfach Nachrichten besorgter Anwohnderinnen und Anwohner erreicht. Auch die Eltern der Kinder, die im Umfeld des geplanten Zentrums zur Schule oder in die Kita gehen, sind besorgt. Was sie alle eint: Die Sorge, dass der Konsum und auch der Verkauf von Crack im Umfeld des Drogenhilfezentrums zunehmen werden. Die Sorge ist vor allem in dem Vergleich mit der Einrichtung in der Flurstraße begründet - von deren Konzept soll an der Eisenstraße bewusst abgewichen werden, um diese Auswirkungen zu verhindern.

Auch die Angst vor wachsender Beschaffungskriminalität ist groß - insbesondere durch eine mögliche Sogwirkung der Einrichtung. Michael Harbaum von der Düsseldorfer Drogenhilfe verweist diesbezüglich auf die "Dorgenhilfebefragung NRW". Demnach kommen 80% der Menschen, die in Düsseldorf Drogen konsumieren auch von hier - die befürchtete Sogwirkung aus anderen Städten sei damit wiederlegt, so Harbaum. Er betont: Wir haben in Düsseldorf keine gesicherten Vergleichswerte, weil es eine derartige Einrichtung noch nicht gibt.

Was bei allen Kritiken an der neuen Einrichtung ebenfalls deutlich wird: Die Menschen wünschen sich mehr Transparenz, insbesondere seitens der Stadt. Denn auch die Frage nach der Umsetzung des geplanten Sicherheitskonzepts ist weiter offen: Im Gespräch sind eine Art Quartiersmanager oder auch ein Sicherheitsdienst, aber welche Zuständigkeiten und Befugnisse damit verbunden wären, ist offen. Auch deshalb ist für Jens Hartmann von der Bürgerinitiative gegen die Einrichtung klar: Das Konzept lässt ist nicht ausreichend durchdacht:

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Jens Hartmann - BürgerinitiativeDas Züricher Modell lässt sich nicht übertragen
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In Zürich sprechen geschulte Fachkräfte, meist Sozialarbeitende, die Menschen auf offener Straße an und fordern sie auf, die Konsumräume zu nutzen. Derartig geschultes Personal gibt es in Düsseldorf bislang nicht. Wie diese Repression also hier in der Stadt aussehen soll, ist bisher unklar. Wie einige weitere Aspekte. Jens Hartmann sieht sich von Seiten der Stadt nicht ausreichend informiert:

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Jens Hartmann - BürgerinitiativeKritik an der Stadt
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Die Perspektive der Betroffenen

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Zum Pressegespräch Ende Januar in der Eisenstraße sind nicht nur Streetworker erschienen - auch vier Betroffene möchten ihre Geschichte teilen. Pino, Heiko, Gisa und Sven sind ehemals drogenabängig und wohnungslos, konnten aber durch das Projekts "Housing First" inzwischen wieder eine Wohnung beziehen und sind clean.

Pino betont die Bedeutung eines geschützten Raumes, um Menschen wie ihn überhaupt zu erreichen. Er hat seit seinem 15ten Lebensjahr 30 Jahre lang Drogen konsumiert, davon fünf Jahre lang Crack - und er erinnert sich gut an die Scham, die er deshalb immer empfunden hat. Aus seiner eigenen Erfahrung weiß er, wie wichtig die Gespräche mit den Streetworkern sind. Denn "ein bisschen bleibt immer hängen, irgendwann macht man dann mal eine Entgiftung". Für diese Gespräche brauche es aber einen geschützten Raum, so Pino:

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Pino Schutzorte und Gespräche sind wichtig
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Pino ist inzwischen clean, sogar ohne Substitution und steht kurz davor einen neuen Job anzutreten.

Die Forderung, Konsumräume an den Stadtrand zu verlegen, lehnt er ab, weil sie viel zu weit weg seien. Das Crack brenne einem die Hose durch, bis man dort angekommen sei. Es brauche deshalb Anlaufstellen, die gut erreichbar sind. Das bestätigt auch Michael Harbaum von der Düsseldorfer Drogenhilfe:

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Michael Harbaum - Drogenhilfe DüsseldorfWarum nicht am Stadtrand?
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Gisa ergänzt, dass die bisherigen Konsumräume, die es gibt, "aus allen Nähten" platzten. Außerdem seien das keine sicheren Räume, in denen man sich aufhalten wolle. Zudem sei in der Eisenstraße 49 früher die Drogenabteilung der Kriminalpolizei untergebracht gewesen - diese Historie solle man nicht außer Acht lassen. In der Nähe gebe es zudem eine Substitutionspraxis, die keinerlei Aufschrei in der Bevölkerung ausgelöst habe und auch keine Probleme mache. Die Sorgen der Anwohnenden nimmt sie ernst, sagt sie, sie verstehe aber die Argumentation nicht: Denn es sei ja gerade das Ziel, die Kinder zu schützen, indem der Konsum von der Straße in sichere Räume verlegt wird. Deshalb fragt sie abschließend: Was wäre, denn wir's nicht machen? Denn die Droge werde sich weiterverbreiten - und niemand wolle Frankfurter Ausmaße in Düsseldorf, so Gisa.

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Die Perspektive der Stadt

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Die Stadt hat sich mit konkreten Infomationen zum geplanten Drogenhilfezentrum in der Eisenstraße bislang weitgehend zurückgehalten. Das kritisieren sowohl die Streetworker als auch die Anwohnenden und betonen ihren Wunsch nach Transparenz. Dem möchte die Stadt heute Abend (03. Februar 2026) nachkommen. Die zuständige Dezernentin Miriam Koch will um 18 Uhr im Saal der VHS am Bertha-von-Suttner-Platz über die Pläne und die nächsten Schritte informieren. Ziel der Veranstaltung soll demnach sein, transparent über die Neukonzeptionierung der Liegenschaft im Rahmen des Projekts “Sicherheit im Bahnhofsumfeld” zu informieren und Fragen aus der Bürgerschaft zu beantworten.

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Fazit

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Was vor allem deutlich wird: Es sind noch einige Fragen offen. Den aktuellen Stand der Dinge bei der bisherigen Planung hat Oliver Ongaro aber ganz passend zusammengefasst:

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Oliver Ongaro von fiftyfiftyStand der Dinge bei der Planung
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Die Argumentation von Anwohnenden, Stadt, Streetworkern und Betroffenen hat eines gemeinsam: Der öffentliche Raum soll sicherer werden, insbesondere für Kinder. Es zeigt sich, dass es vor allem einen konstruktiven Austausch und gegenseitiges Verständnis braucht. Denn klar ist: Es muss eine Lösung gefunden werden, die von Betroffenen angenommen wird und dabei das Umfeld der Eisenstraße nicht zusätzlich belastet.

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Weitere Infos und Links zum Thema:

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