Der große Tag

Eintrag vom Sonntag, 6. Mai 2007

3.50 Uhr. Seit 21 Uhr am Vorabend liege ich nun im Bett und versuche die Zeit, bis ich endlich aufstehen kann, irgendwie rumzukriegen. Ich schlafe kaum, wache immer wieder auf und denke nervös an das, was mir heute bevorsteht. Werde ich tatsächlich zum echten Marathoni oder blamiere ich mich heute bis auf die Knochen?

5.30 Uhr. Seit 4 Uhr habe ich mittlerweile nicht mehr geschlafen. Ich bin froh, dass im Fernsehen um diese unchristliche Zeit ein paar Sitcoms laufen, die mich ein bisschen ablenken. Endlich kann ich mit dem Tag beginnen und schaufele mir ein paar Nudeln in den Magen. Heute Abend esse ich aber auf jeden Fall etwas Anderes; Nudeln bleiben erst einmal verboten. Ungefähr 30 mal kontrolliere ich meine Taschen, ob ich auch ja alles dabei habe, was heute wichtig ist. Mehrfach hatte ich die Schreckensvision, ohne Schuhe am Start zu stehen.

7.20 Uhr. Mit Christian Dierschke und Bernd Wilms (Fotograf und Kameramann) treffe ich mich am Klemensplatz und fahre mit der Rheinbahn in Richtung Innenstadt. Der Nervositätsspiegel ist kaum noch zu toppen, so langsam wird mir erst richtig klar, wie wichtig dieser Tag eigentlich ist. Dafür sind sechs Monate harte Arbeit ins Land gezogen, dass die Nummer heute funktioniert!

8.00 Uhr. Düsseldorf, Burgplatz. Ich wundere mich, wie unglaublich viele Menschen schon jetzt, 90 Minuten vor dem eigentlichen Start, den Burgplatz bevölkern. Ich kontrolliere noch einmal, ob alle Sachen richtig sitzen, tausche Flip-Flops gegen Laufschuhe und gebe meinen Kleiderbeutel im Nachzielbereich ab. Diese Sachen werde ich erst nach einer sehr, sehr großen Anstrengung wieder sehen. Andreas Grunwald ruft zweimal aus dem Studio an und fragt mich nach meinem aktuellen Befinden. Ich bin ehrlich, gut geht es mir nicht. Ich merke, dass ich schlecht geschlafen habe und darüber hinaus die Nervosität auf meinen Magen schlägt.

8.45 Uhr. Letzte Taktikbesprechung mit meinem Trainer Holger Schütt. Er will für unsere Gruppe den Pace-Maker geben und uns in einem kontrolliertem Tempo über die Strecke führen. 4:25:00 ist seine Vorgabe, knappe 6:12 Minuten pro Kilometer. Die erste Hälfte wollen wir in 2:15 Stunden absolvieren, auf der zweiten Hälfte noch ein bisschen Zeit gewinnen - wenn möglich.

9.10 Uhr. Die Pflicht ruft: center.tv bittet mich in den Startbereich zum Interview, kurz zuvor begegne ich Jogi Löw, der für die METRO Group in einer Prominentenstaffel antritt. Wir wünschen uns kurz viel Glück, ich habe den Eindruck, ich bin in jedem Fall der Nervösere von uns beiden.

9.20 Uhr. Start. Zeit, sich endgültig von den warmen Überziehsachen zu verabschieden und sich auf das Rennen zu freuen. Die Nervosität weicht so langsam einer gewissen Vorfreude, die sich bis zum Startschuss, der von allen Läufern gemeinsam mit einem Countdown runtergezählt wird, in ein unglaubliches Glücksgefühl verwandelt. Die lange Strecke, die vor mir liegt, ist erst einmal vergessen. Ich stehe am Start eines Marathons - ich kann es kaum glauben.

10.00 Uhr. Kilometer 6. Die ersten Kilometer liegen hinter mir, in unserer Gruppe ist die Stimmung unglaublich gut, das Tempo erscheint mir ein bischen langsam, aber Holger wird schon alles richtig machen. Die Stimmung an der Strecke könnte noch etwas besser sein, aber um diese Uhrzeit kann ich an einem Sonntagmorgen nachvollziehen, dass noch nicht allzu viele da sind - das wird bestimmt noch.

11.00 Uhr. Kilometer 15. Immer noch ist die Stimmung bestens. An der Strecke mehren sich jetzt die Zuschauer, die teilweise eine richtige Party feiern. Absolutes Highlight: die Fritz-Wüst-Straße. Ein riesiges Straßenfest mit Livemusik sorgt dafür, dass es sich hier wie von allein läuft. Aber auch sonst habe ich keinen Grund, zu klagen. Dieses Tempo, so scheint es mir, könnte ich noch ewig laufen.

11.20 Uhr. Kilometer 18. Andreas Grunwald meldet sich wieder und unterhält sich kurz mit mir über die ersten Streckenteile. Mir geht es gut, ich fühle mich fit, und vor allem habe ich Spaß - damit war nicht unbedingt zu rechnen.

11.50 Uhr. Halbmarathon. Nach genau 2:14:41 Stunden Laufzeit erreichen wir die Halbmarathonmarke. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, schon über zwei Stunden gelaufen zu sein. Die Zeit vergeht hier wie im Fluge. Langsam merke ich aber zwei Probleme: Zum einen wird es doch erstaunlich schnell warm, ich hatte auf ein paar Grad weniger gehofft. Zum anderen merke ich auf der Innenseite meiner Oberarme ein fieses Problem: Die Naht meines Trikots scheuert mir die Haut wund, der Schweiß sorgt für einen empfindlich brennenden Schmerz. Von jetzt an nutze ich jede Getränkestation zum Auswaschen der Wunden.

12.20 Uhr. Kilometer 25. Ich bin etwas verwirrt. Immer wieder merke ich, dass ich aus meiner Gruppe zurückfalle, um mich dann mit einer kurzen Beschleunigung wieder an die Gruppe ranzuziehen. Holger darf ich auf keinen Fall verlieren; allein packe ich dieses Rennen überhaupt nicht. Wir sind gerade mal bei Kilometer 25. Jetzt ganz allein zu laufen, wäre das Ende meines Traums vom Zieleinlauf. Aber immer wieder hänge ich plötzlich 20 bis 30 Meter zurück. Auf der Kö macht sich Holger mittlerweile auch Sorgen. Hat er gerade noch mit Andreas Grunwald gesprochen und gesagt, alles wäre super, sieht er jetzt, dass ich Probleme bekommen habe. Er empfiehlt mir, das Kopftuch abzuziehen, ab sofort mehr zu trinken und an jeder Station viel Wasser über mich und vor allem über die Beine zu kippen. Ich habe auch das Gefühl, dass wir deutlich schneller geworden sind. Die Zeit aber spricht eine andere Sprache: Dieses Tempo ist sogar langsamer als im Training!

12.50 Uhr. Kilometer 29. Immer wieder versucht Holger, mich an die Gruppe heranzubringen, lässt sich fallen und läuft direkt vor mir, um das Loch zwischen mir und dem Rest zu schließen. Auf der Oberkasseler Brücke merke ich, dass ich bei diesen Versuchen unglaublich viel Kraft verloren habe. Ich fange an, nachzudenken. So kann es nicht weitergehen, so schaffe ich das nicht. Ich glaube nicht, dass ich so ins Ziel kommen kann.

13.00 Uhr. Kilometer 31. Mittlerweile 50 Meter trennen mich von meinem Trainer. Ich habe große Angst vor diesem Schritt, aber ich werde ihn ziehen lassen müssen. Das Tempo der Gruppe kann ich nicht halten, ständig wieder für immer länger werdende Perioden beschleunigen, um am Team dranzubleiben, kostet zu viel Kraft. Holger lässt sich nochmals zu mir zurückfallen. Ich deute ihm an, dass er mit der Gruppe weiter laufen soll. “Was ist los? Du musst versuchen, dran zu bleiben! Hast du Schmerzen?” Ich schüttele den Kopf. “Ich glaube, ich muss gleich kotzen!” - “Dann mach das - aber bleib dran!” - “Geht nicht, zu schnell!” - “Aber nicht gehen, hörst du!” Kopfnicken. “Dieses Tempo hier kann ich ganz gut laufen. Lauf du mit den anderen!” - “Dann lauf das durch. Auf keinen Fall gehen!” Kopfnicken. Ich weiß ganz genau, dass, wenn ich einmal anfange, zu gehen, es ganz schwierig wird, wieder in den Rhythmus zu kommen. Auf der anderen Seite habe ich mich aber schon so gut wie aufgegeben. Es liegen noch über 10 km vor mir, ich bin alleine, und die Verlockung, zu gehen, wird immer größer. Was ich Holger nicht sage: Ich glaube nicht, dass ich im Ziel ankommen werde!

13.15 Uhr. Kilometer 32. Ich bin unglaublich langsam geworden. Selbst um gehende Teilnehmer mit einem Vorsprung von nicht mehr als 20, 30 Metern einzuholen, brauche ich eine gefühlte Ewigkeit. Die Zuschauer, die jetzt noch an der Strecke sind, sehen meine Lage und feuern mich richtig laut an. Ein Zuschauer läuft sogar ein paar Meter mit mir mit, motiviert mich: “Was ist los bei dir?” Achselzucken. “Hammer?” Kopfnicken. “Kenne ich! Halte einfach dieses Tempo. Das klingt jetzt scheiße, aber es ist nicht mehr weit! Einfach weiter machen, das Tempo halten!” Kopfnicken. “Du kannst das, ganz ehrlich! Zieh einfach durch, friss diese Kilometer. Spätestens bei 36 geht’s wieder!” Kopfnicken. Verhaltener Optimismus.

13.30 Uhr. Kilometer 34. Andreas Grunwald hat meinem Handy nach zu Urteilen verzweifelt versucht, mich zu erreichen. Bei dem Tempo kann ich auch telefonieren, also rufe ich ihn im Studio an. Ich bin ehrlich und sage, wie die Situation ist. Etwas Hoffnung ist noch da, aber das wird jetzt richtig, richtig schwer!

13.55 Uhr. Kilometer 38. Der Typ hatte Recht! Seit Kilometer 36 ist es zwar immer noch sehr schwer, und die Schmerzen sind immer noch da. Aber ich bin wieder im Rhythmus. Jetzt muss ich eigentlich nur noch die Oberkasseler Brücke rauf, und dann geht es bis zum Ziel nur noch bergab. Kurz vor diesem Anstieg, rund um das Prinzinger, hat die METRO ihre Fangemeinde versammelt, die einen wahnsinnigen Lärm verursacht, als ich bei ihr vorbeilaufe. Jetzt ist eines klar: Egal wie, ich werde dieses Rennen zu Ende laufen!

14.20 Uhr. Kilometer 42. Unfassbar. Da vorn ist das Ziel! Wie unglaublich sind diese Gefühle, unter dem Jubel von tausenden Menschen, darunter jede Menge Freunde und Familie, auf diese magische Linie zu zu laufen! Die Schmerzen sind vergessen, Claudia Monréal und alle Antenne Düsseldorf Hörer sind live dabei, wie ich die letzten Schritte in Richtung Ziel laufe.

14.23 Uhr. Kilometer 42,195. Die Emotionen übermannen mich. Ich bin völlig überfordert mit dem, was da gerade passiert ist. Ich, der Antijogger, bin gerade einen verdammten Marathon gelaufen! Mir fehlen die Worte.

14.30 Uhr. Mein Handy steht kaum noch still. Einer nach dem nächsten meldet sich per SMS oder ruft an, um mir zu gratulieren. Trotzdem habe ich noch immer nicht realisiert, was mir gerade passiert ist. Unabhängig davon ist mir das auch herzlich egal: Es ist genau das passiert, was ich prophezeit habe. Sobald ich anfange zu gehen, machen die Waden sofort zu, und meine Beine verursachen höllische Schmerzen. Wo geht es bitte zur Massage?

14.40 Uhr. Überglücklich treffe ich Holger und meine ursprüngliche Gruppe, die im Zielbereich auf mich gewartet haben. Jeder fällt jedem um den Hals und beglückwünscht sich - Holger ist sichtlich erleichtert und zufrieden, dass er mich im Ziel sieht.

14.50 Uhr. Endlich! Ich liege auf einer Massagebank und lasse mich von zwei attraktiven jungen Damen verwöhnen. Bestimmt über 100 Masseuresind in diesem Zelt zu Gange und bearbeiten die geschundenen Waden. Klar, die Schmerzen sind nicht weg, aber jetzt kann ich mich endlich wieder bewegen, ohne bei jedem Schritt innerlich zu schreien.

15.30 Uhr. Noch lange sitze ich im Nachzielbereich und bin immer noch nicht ganz sicher, ob das alles nicht nur ein Traum war. Stolz hole ich mein Finisher-Shirt und gebe meine Medaille zur Gravur ab. Klar, die Zeit von 4:48:41 ist jetzt nicht der Hammer. Aber es ist mein erster Marathon, an diesen Tag werde ich mich ewig zurückerinnern - da darf so ein persönliches Erinnerungsstück nicht fehlen.

16.10 Uhr. Ein letztes Interview für Claudia Monréal. Allerdings nicht wie geplant im Studio - der Weg in den Medienhafen ist mir einfach zu lang, das schaffe ich beim besten Willen nicht. Im Anschluss ist endlich Party angesagt: 42,195 km wollen gebührend beehrt werden. Viele Freunde und Kollegen treffen auf meiner Feier ein und gratulieren mir immer wieder.

Bis tief in die Nacht bin ich noch in der Altstadt - müde zwar, aber völlig aufgedreht und auch ein bisschen melancholisch. Eigentlich schade, dass es vorbei ist. Aber muss ja nicht. So ein Marathon in New York oder so … würde mich schon reizen … To be continued?

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Florian Kels hat diesen Eintrag am 6. Mai 2007 um 19.45 Uhr geschrieben. Sie können zu diesem Eintrag einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback auf Ihrer eigenen Homepage setzen. Beim Hinterlassen eines Kommentars wird Ihre E-Mail-Adresse im Blog nicht angezeigt. Sie dient ausschließlich der Antenne Düsseldorf Redaktion für mögliche Rückfragen. Kommentare und Trackbacks können Sie außerdem über einen eigenen Feed abonnieren.