7. WM-Restaurant: Essen wie Gott in Frankreich oder: Sagst Du noch einmal “Merci, chérie”, dann drück ich deine Nase in die Seeschnecken.

Eintrag vom Freitag, 4. Juni 2010

Waren Sie schon mal mit einer Engländerin in einem französischen Restaurant? Das ist nicht zu empfehlen. Obwohl: Meine englische Freundin war eigentlich harmlos im Vergleich zu den Damen neben uns am Tisch. Wir waren in “Roberts Bistro” auf der Wupperstraße im Hafen. Da kann man nicht reservieren und das ist schlecht, weil der Laden rappelvoll ist. Wir hatten aber Glück und konnten noch einen Platz draußen ergattern. An einem Tisch, an dem schon zwei Damen saßen. Darf ich sagen “Hafen-Tussis”? Darf ich. Fing schon gut an, als ich meine englische Freundin frage: “Magst du überhaupt Französisch?” Und sie sagt: “Wer mag denn schon die Franzosen?” Ich zucke zusammen und wir ernten böse Blick von unseren Nachbarn. Also schnell mal in die Speiskarte gucken. Keine Froschschenkel drauf. Das ist schon mal gut. Was gibt’s denn so? Seeschnecken, Ochsenmaulsalat, warmer Kalbskopf. Ach du meine Güte. Ich sehe förmlich den Kuh-Kopf vor mir auf dem Teller liegen. Noch mit schwarz-weißen Haaren dran und einer nassen Schnute. Ich gucke etwas gequält und sage: “Du, das kann ich nicht essen!” Meine englische Freundin sagt: “Sag ich doch. Die Franzosen…” Unterdessen bekommen die Damen nebenan ihren Wein und sagen: “Merci, chérie. Merci!” Also: Die Schnecken und die Kuh gehen nicht. Zum Glück entdecke ich Gerichte auf der Karte, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen: “Hirschrücken in pikanter Chilli-Nougat-Sauce”, “Spanferkelrücken mit Bananen-Chili-Sauerkraut und Risoleekartoffeln”, “Meeresfrüchteplatte” oder als Dessert “Mokka-Parfait in Espresso-Sauce”. Wow. Das klingt ja toll. Weil es warm ist, ist mir mehr nach Fisch. Unterdessen ordern die Damen neben uns noch ein bisschen Brot. Es kommt und die mit der Chanel-Tasche sagt: “Merci, chérie. Merci!” Also Fisch. Ich nehme “Hausgebeizten Salm - also Lachs - mit Honig-Senf-Sauce”. Meine Freundin kann sich nicht entscheiden und nimmt “Scharfe Perlhuhnbrust mit Curry und Früchten” plus ein “Babysteinbuttfilet in Sesam-Honig-Kruste”. Na ja, sie kann’s ja vertragen. Hat gerade Diät gemacht und sitzt da nicht wie ich mit der mittlerweile schon zweiten Speckrolle, die über den Hosenbund schwappt. Oder besser: Sich drüber quetscht.Erstmal ein Weinchen. Wow. Tolle Auswahl. Feine Tropfen. Wir nehmen einen Grauburgunder und kommen zum ersten Mal in Kontakt mit dem Service. Die Chefin, die hier alles ran schleppt, ist der Hammer. Der Inbegriff des Rheinischen. Resolut, mit schroffem Charme, herzlich, lustig und hat alles im Griff. Und vor allem den Überblick in diesem vollen Laden. - Der Wein: Der Brüller. Ohhh, ich möchte drin baden. Die eine Dame nebenan hat ihr Messer fallen gelassen, bekommt ein neues und sagt: “Hach. In Monaco gibt ja richtig tolles Silberbesteck zum Essen. Aber, merci, chérie. Merci!”Jetzt gucke ich langsam etwas angenervt rüber. Kann die noch was anderes sagen? Egal. Soll mich nicht stören. Es dauert nicht lange und das Essen steht auf dem Tisch. Wow! Das sieht so toll aus. Ein Fest für die Sinne. Alles bunt. Der erste Blick reicht schon, um festzustellen, dass die Haut vom Lachs mehr als perfekt gebraten wurde. Knusprig. Und wie wunderbar eingepackt dieser kleine Steinbutt in seiner Kruste aussieht. Himmlisch. Gleiches gilt für die Perlhuhnbrust. Sieht super aus. Was für ein Farbenspiel auf den Tellern. Jetzt muss das auch nur noch so himmlisch schmecken. Auf geht’s!Gerade als ich mir den ersten Bissen in den Mund schieben will, sagt die Chanel-Tante: “Wir hätten gerne noch etwas Wasser. Ja? Merci, chérie. Merci!” - Aaaahhhhh. Ich flipp gleich aus. Also schnell weiter essen. Ungelogen: Einfach ein Traum das Essen. Die Saucen sind unglaublich. Der Fisch, das Fleisch, die Beilagen - perfekt! Da kann man nur den Hut ziehen. Ganz fein. Meine englische Freundin guckt etwas reumütig und sagt: “Das muss man den Franzosen lassen, die wissen schon, was gute Küche ist”. (Ich verkneife mir einen Kommentar zur englischen Küche und genieße weiter.) Einfach nur himmlisch lecker. Und richtig große Portionen für’s Geld. Apropos Geld: Die Damen nebenan unterhalten sich mittlerweile über die Yacht von Prinz Albert und als die Rechnung kommt…. Jaaaaaa, sie sagt es wieder: “Merci, chérie. Merci!” Meine englische Freundin trinkt gerade und spuckt mir den Wein fast ins Gesicht, weil sie losprusten muss. Ich lach mich nur noch kaputt. Das kriegen die Damen natürlich mit und rümpfen die Nase. Dann stehen sie auf und verabschieden sich mit: “Einfach kein Stil. Einfach kein Stil!” Dann wird noch der wunderbaren Service-Chefin gewunken: “Bis zum nächsten Mal! Merci, chérie!”Meine Fresse. Herrlich. Aber - auch ohne solche Nachbarn am Tisch macht “Roberts Bistro” richtig Spaß. Großartige Küche. Tolle Weine. Und unbedingt den Dessert-Teller “Julia” bestellen. Da gibt’s von allen Nachspeisen etwas. Hmmmm. Lecker. Wie teuer? Hauptgerichte zwischen 11 und 22 Euro. Ist jetzt kein absolutes Schnäppchen, aber voll im Rahmen und das ist wirklich jeden Cent wert. Da zahl ich lieber mal einen Euro mehr und das schmeckt dann richtig gut, als dass die Haut vom Fisch labberig ist, schlecht gebraten und da eine austauschbare Sauce auf dem Teller rum schwimmt. Und die liegen hier im Hafen-Vergleich preislich echt unten. Respekt! Der Service: Perfekt. Achtung: Keine EC- und Kreditkarten! Und auch keine Reservierungen. Die Franzosen - bis jetzt mein kulinarischer Favorit auf den Weltmeistertitel!

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Tanja Marschal hat diesen Eintrag am 4. Juni 2010 um 10.10 Uhr geschrieben. Sie können zu diesem Eintrag einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback auf Ihrer eigenen Homepage setzen. Beim Hinterlassen eines Kommentars wird Ihre E-Mail-Adresse im Blog nicht angezeigt. Sie dient ausschließlich der Antenne Düsseldorf Redaktion für mögliche Rückfragen. Kommentare und Trackbacks können Sie außerdem über einen eigenen Feed abonnieren.