Electric City und der idyllische Schreingarten

Wenn ich es dann doch mal schaffe und zur Ruhe komme in meinem Zimmer im 36. Stock, muss ich doch noch öfter laut lachen. So skurril sind teilweise die Situationen, die man als Europäer in Japan erlebt. Mein gestriger Besuch in der Sushi-Bar geriet durch zwei ebenfalls anwesende deutsche Touris zu einer spaßigen Sache, und zwar in dem Moment, in dem die beiden nichts ahnend Instant-Pulver für grünen Tee mit Sojasoße mischten und sich dann wunderten, dass das fürchterlich bitter schmeckt. Ich habe geschmunzelt, aber nicht laut los gelacht - wer weiß, was mir schon so alles peinliches passiert ist, ohne dass ich es gemerkt habe!?
Ohne Peinlichkeiten begann dann Tag vier der Tour durch Japan. Nach dem Fiasko vom vorigen Tag bin ich kleinlaut in den Saal mit europäischem Frühstück geschlichen und habe mir Kaffee, Cornflakes und Rührei gegönnt. Voller Energie und Cholesterin ging es dann für mich und einen Kollegen der Westdeutschen Zeitung auf Erkundungstour. Und hatte ich nur einen Moment geglaubt, mich ein bisschen an die Millionenstadt gewöhnt zu haben, wurde ich eines Besseren belehrt. Mit der U-Bahn - ohne (!) englische Beschriftung - ging es in Richtung Ginza, einer langen, exklusiven Einkaufsmeile mit vielen Kaufhäusern und Boutiquen und entsprechend großen Menschenmengen. Ein Gewusel ohne Gleichen entlang von unzähligen Hochhäusern und überdimensionalen Kreuzungen. Wir ließen uns treiben und erlebten nur einige Kilometer weiter den nächsten Kulturschock, und zwar im Viertel Akihabara (zu deutsch “Herbstblätterfeld”), bekannt durch den Beinamen “Electric City”, oder wie der geschockte Reporter sagt: laut und grell!
Wie angenehm war dann nur wenige Momente später der Besuch in einem ruhigen, grünen und idyllischem Schreingarten. Mit platten Füßen und schmerzenden Beinen ging es zurück in unser Hotel und dann nur wenig später mit den Bussen und den Düsys in die Suntory Hall, dem Ort des ersten Konzertes der Düsseldorfer Symphoniker. Beethoven und die richtig gut aufgelegten Musiker ließen 2.000 Japaner frenetisch jubeln.
Schon morgen müssen wir Abschied nehmen von Tokio. Mit dem “Schinkansen”, dem ICE Japans, geht es für uns zunächst nach Morioka, einer Stadt mit nur 288.000 Einwohnern nördlich von Tokio. Was mich dort erwartet, kann ich nur erahnen. Sayonara und Oyasuminasai!
31. Oktober 2006, Philipp Klees
Herausforderungen für den Magen

Nach einer leider doch sehr kurzen Nacht mit nur drei Stunden Schlaf ging der Reizüberflutungsmarathon für mich und die Düsys in Tokio weiter. Ganz speziell für mich dann auch mit einer neuen Erfahrung, die ich nicht so schnell vergessen werde. Im Tokio-Dome-Hotel hat man als Gast die Wahl zwischen einem europäischen und einem original japanischen Frühstück. Der Mut trieb mich ins Ungewisse, und mein Magen sagte “Danke!”. Roher Fisch mit scharfem Meerrettich, sauer eingelegtes Gemüse, starker Tee als Kaffeeersatz, dazu Reis mit Sojasoße und viele kleine Schalen mit Nicht-Identifizierbarem sind definitiv eine Herausforderung. Hätte ich zögern sollen, nachdem die Bedienung schon zu Beginn mehrfach gefragt hatte, ob wir uns nicht im Saal geirrt hätten?
Einen Hochgenuss ganz anderer Art gab es dann am Vormittag: Die Düsys probten zum ersten Mal in diesem Jahr auf japanischem Boden, und zwar für das erste von drei Konzerten in der Suntory-Hall in Tokio. Unter der Leitung von Maestro John Fiore wurde knapp drei Stunden emsig geprobt und mit fliegenden Geigenbögen so mancher Jetlag vertrieben. Morgen dann stehen unsere Düsseldorfer Botschafter mit einem reinen Beethoven-Programm auf der Bühne. Standing Ovations werden ihnen sicher sein. Werke von Beethoven ziehen halt in keinem anderen Land der Welt so gut, wie in Japan.
Bergab ging es für mich dann am Nachmittag, und in diesem Fall ist das sogar sehr wörtlich zu verstehen. Der Freizeitpark neben unserem Hotel direkt mitten zwischen den Häuserschluchten bietet mit der Thunder Dolphin eine Achterbahn, die mit knapp über 80 Metern zu den zehn höchsten Achterbahnen der Welt gehört. Mitgefahren, Spaß gehabt, und das im Vergleich für umgerechnet günstige sieben Euro.
Noch billiger, aber dafür wesentlich ergiebiger für meinen Magen war dann der Besuch in einer typischen Sushi-Bar am Abend. Frischer, roher Fisch zum Abendendessen ist dann doch wesentlich leckerer als frischer, roher Fisch zum Frühstück. Wieder was gelernt - und das trotz Reizüberflutung in einer der größten Städte der Welt.
30. Oktober 2006, Philipp Klees
Heißer Kaffee aus dem Automaten

Mit Hilfe von drei (!) Filmen, zwei warmen Mahlzeiten und jeder Menge Sitzfleisch habe ich den Elf-Stunden-Flug nach Japan locker überstanden. Am Sonntag, Ortszeit 7 Uhr, sind wir am Flughafen Narita gelandet, und das mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Die Sicht war gleich null, es ruckelte, und trotzdem blieben bei allen 80 Düsys, dem Anhang und mir alle Mahlzeiten da, wo sie auch hingehören. Schon nach der Zollkontrolle bestätigte sich aber für mich folgende Weisheit, die ich im Vorfeld dieser Reise aufgeschnappt hatte: “Die billigste Art für einen Europäer, einen anderen Planeten zu besuchen, ist die Reise nach Japan.” Finden Sie übertrieben? Na, dann fragen Sie sich mal, ob Sie bei uns jemals schon Verkehrslotsen gesehen haben, die sich vor dem Anhalten eines Wagens artig verbeugen. Oder haben Sie schon einmal eine heiße Dose mit Kaffee aus einem Automaten gezogen? Nur zwei Beispiele, die für mich glasklar den Beweis abliefern, dass hier die Uhren anders laufen … jaja, mittlerweile wieder acht Stunden vor.
Nach dem Eingewöhnen, einer Fahrt durch ein städtebauliches Chaos und einer ersten Erkundung der Zwölf-Millionen-Metropole Tokio unter der hervorragenden Führung des japanischen Soloflötisten der Düsys, Yo Washio, hieß es dann um 13 Uhr: Einchecken! In Tokio-Dome-Hotel mit über 50 Stockwerken, einem Freizeitpark in direkter Nachbarschaft und Glasaufzügen, die mit Rekordgeschwindigkeit außen am Gebäude fahren. Diesen Tagebucheintrag schreibe ich aus meinem Zimmer im 36. Stock, und wenn ich die letzten 30 wachen Stunden Revue passieren lasse, traue ich mich gar nicht mehr, einzuschlafen, weil ich Angst habe, etwas in dieser aufregenden Stadt zu verpassen. Sei es, wie heute gesehen, einen Büchermarkt, bei dem ich nicht einen Titel lesen geschweige denn verstehen konnte, sei es das leichte, gefühlte Schwanken unseres Hochhausturmes, sei es die Fahrt in einem schier undurchschaubaren U-Bahn-Netz. Auch mit japanischer Düsy-Hilfe klappte das hervorragend, und so führte uns Mr. Washio mit Hilfe mehrerer Züge an die Pazifikküste und die ehemalige Hauptstadt Japans, Kamakura, mit all ihren Schreinen und der zweitgrößten Budda-Statue Japans.
Nur unter größter Selbstdisziplin und mit Hilfe der angenehmen Gesellschaft mindestens einem Dutzend Düsys habe ich diesen Marathon fürs Erste geschafft. Ein Abendessen in einem typisch asiatischem Restaurant rundete den ersten vollen Tag in Japan ab. Mit dem Blick von oben auf die pulsierende und grelle Mega-City endet für mich Tag zwei meiner Reise.
29. Oktober 2006, Philipp Klees
Auf nach Japan!

Endlich ist er da - der Tag, an dem der Herr Klees mit den Düsys nach Japan fliegt. Zwei halbwegs schlaflose Nächte liegen hinter mir, acht Stunden werden mir dann noch auf dem Flug in Richtung Tokio geklaut. Ich denke, ich werde hellwach im Land des Lächelns ankommen. Trotz meiner Aufregung freue ich mir aber wie ein Schneekönig. Mal schauen, ob ich das nach elf Stunden Flug immer noch sage.
28. Oktober 2006, Philipp Klees

